Moia-CEO Sascha Meyer und ADMT-Volkswagen-CEO Christian Senger
Mit geteilter, vollautonomer Mobilität „made in Germany“ können nicht nur städtische Verkehrsprobleme gelöst, sondern auch technologische Souveränität gesichert und neue wirtschaftliche Potenziale erschlossen werden. Jetzt ist der Moment, Deutschlands Chance als Innovationsführer auf diesem Gebiet durch eine strategische, auf Europa fokussierte Industriepolitik zu stärken.
Das autonome Fahren ist keine Innovation als Selbstzweck, sondern eine Chance, Mobilität neu zu denken. Der öffentliche Nahverkehr ist der ideale erste Anwendungsfall, um vollautonome Technologien gezielt im Sinne des Gemeinwohls einzusetzen. Vollautonome Fahrzeuge im ÖPNV entlasten den städtischen Verkehr und schließen zugleich dort Lücken, wo der herkömmliche ÖPNV bereits heute an seine Grenzen stößt – sei es aus personellen oder wirtschaftlichen Gründen.
Mit individuell buchbaren On-Demand-Diensten, also flexiblen Mobilitätsangeboten, die per App abrufbar sind, leisten sie zudem einen wichtigen Beitrag zu einer bedarfsgerechten, nachhaltigen und für den Kunden deutlich flexibleren Mobilität. Auch für ländliche Regionen bieten sie großes Potenzial. On-Demand-Dienste wie das Ridepooling befördern Personen mit ähnlichen Routen zu ihren individuellen Zielen – unabhängig von Fahrplänen und in einem dichten Netz von Haltepunkten.
Autonome Mobilität als Wirtschaftsfaktor
Vollautonome Mobilität ist aber nicht nur ein gesellschaftliches Projekt, sondern mehr noch ein enormer Wirtschaftsfaktor. Die Forschung und Entwicklung ist weit fortgeschritten, doch die erheblichen Investitionen in Spitzentechnologie müssen in Europa einem wirtschaftlich attraktiven Markt gegenüberstehen. Für einen erfolgreiche Markteinführung braucht die Industrie verlässliche Perspektiven: Modellregionen in Stadt und Land mit großen Flotten vollautonomer Fahrzeuge können den schnellen Einsatz und die Skalierung der Technologie ermöglichen.
Darüber hinaus birgt das vollautonome Fahren das Potenzial, Deutschland und Europa als zukunftsorientierte Standorte der Automobilindustrie zu stärken und sie im globalen Wettbewerb um innovative Technologien wie selbstfahrende KI-Systeme zu wappnen.
Die Argumente für eine gezielte Förderung des vollautonomen Fahrens liegen also auf der Hand. Nun braucht es die richtigen Weichenstellungen durch die Politik, die auf passgenaue Förderungen wie Zuschüsse für Fahrzeugerwerb und Betriebskosten, einheitliche Regulation und den Abbau von Bürokratie setzen muss. Dazu gehört der Aufbau eines eigenständigen europäischen Ökosystems aus Zulieferern, Herstellern und Softwareentwicklern, die weite Teile der Wertschöpfungskette abdecken.
Vision eines europäischen KI-Champions weiterdenken
Bislang stammen Schlüsseltechnologien – von der Sensorik bis zu den komplexen KI-Systemen des digitalen Fahrers – überwiegend von außereuropäischen Akteuren. Die Vision eines europäischen KI-Champions gilt es jetzt mutig weiterzudenken und konsequent umzusetzen.
Die USA machen es gerade vor: In den nächsten Jahren sollen dort Investitionen von 500 Milliarden Dollar in den Ausbau von KI-Projekten fließen. Für Europa ist die Bereitstellung von Fördermitteln und Zuschüssen zur Entwicklung eines möglichst vollständig und wettbewerbsfähigen Ökosystems rund um das vollautonome Fahren entscheidend. Es braucht finanzielle Mittel, um die technologische Souveränität zu stärken, die lokale Wertschöpfung zu maximieren, hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und somit Europa und Deutschland als sichere Standorte der Automobilindustrie zu festigen.
Neben den notwendigen finanziellen Fördermaßnahmen sind auch die rechtlichen Rahmenbedingungen entscheidend für den Erfolg von autonomer Mobilität. Deutschland hat mit dem Rechtsrahmen für Level-4-Fahrzeuge einen wichtigen Anfang gemacht. Der Rechtsrahmen ermöglicht damit, dass vollautonome Fahrzeuge selbstständig in festgelegten Betriebsbereichen im öffentlichen Straßenverkehr fahren können.
Doch jetzt braucht es den nächsten Schritt: Es ist an der Zeit, einheitliche Rechtsrahmen in Europa zu schaffen, um global konkurrenzfähig zu sein. Dazu gehört die Harmonisierung der europäischen Zulassungs- und Betriebsregeln sowie die Aufhebung der Beschränkungen für Kleinserien bei der Typzulassung auf 1.500 autonome Fahrzeuge pro Jahr, die den Hochlauf autonomer Flotten ausbremsen.
Der Weg zur Marktführerschaft: Handeln statt zögern
Autonome Mobilität „made in Germany“ ist eine historische Chance: Sie kann die Grundlage für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum schaffen und die technologische Souveränität Europas und Deutschlands stärken. Die Kombination aus vollautonomem Fahren und On-Demand-Verkehren bietet darüber hinaus das Potenzial, Mobilität neu zu leben und so einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag zur Mobilitätswende zu leisten – mit Deutschland als Vorreiter.
Die kommende Bundesregierung hat die Chance und zugleich die Verantwortung, durch mutige Entscheidungen den Markthochlauf autonomer Mobilität zu beschleunigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit Europas und Deutschlands im Automobilsektor zu sichern.